Baschka geht 1 (2004)

Alles, was ich je über das Hundeschlittenfahren gelernt habe, kam von zwei Quellen: die Geschwister Mikki und Julie Collins, die ihr in Alaska über viele Jahre gesammeltes Wissen in der Musherbibel “Dogdriver – a guide for the serious musher” weitergegeben haben. Und Baschka.

Seit über zehn Jahren waren es auf vielen Kilometern Wildnistrails ihre Nase, ihre Augen, ihre Ohren, die ganz vorne waren (Impressionen davon auf YouTube). Ihre Pfoten, die als erste über die frischen Schneeverwehungen flogen. Sie wusste, wie sie auch bei eisigem, mit dem Schlitten spielendem Seitenwind das ganze Team auf der festgefahrenen Spur hält. Selbst wenn vor lauter Neuschnee und Whiteout nichts mehr vom rechten Weg zu sehen war. Sie hat mich vor Geschäfts”partnern” gewarnt, wo ich im Nachhinein betrachtet besser viel früher auf sie gehört hätte.

Sie hat mir mit ziemlicher Sicherheit das Leben gerettet, als mir bei einer Solotour entlang der russischen Grenze die Todsünde des Mushers passierte: kurz nach dem morgendlichen Start, wenn die ganze Meute mit geballter Energie und heulender Freude auf den Lauftag explosionsartig den Schlitten auf Höchstgeschwindigkeit bringt, stürzte ich. Konnte auch die für solche Fälle alibihalber während der Startphase nachgeschleppte Notleine nicht mehr fassen und musste im Schnee kniend zusehen, wie meine Hunde und die ganze Ausrüstung in Richtung Horizont verschwanden. Bei frischen minus 30° und meilenweit von jeglicher Zivilisation. Ohne Bremser auf dem Schlitten werden die Hunde sich irgendwann verheddern und verletzen. Unausweichlich. Und als dieser Gedanke durch meinen Kopf ging, sah ich Baschkas Kopf, der sich im fliegenden Laufschritt zu mir umdrehte.

Baschka hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmt und schaffte es, in der nächsten Kurve und just bevor sie aus meinem Gesichtsfeld verschwunden gewesen wäre, das ganze Team in einer engen Schleife um hundertachtzig Grad zu wenden. In vollem Galopp kamen mir meine Wuffels entgegengeflogen und all das war so schnell gegangen, ich war nach dem Sturz noch nicht einmal von den Knien aufgekommen. So war ich denn auch gleich auf der richtigen Höhe um von ihnen umzingelt und mit Zungenküssen bedacht zu werden, die die Tränen meiner zitternden Rührung wegwischten. Danach gab es dann Extraleckerlis für alle. Ich glaube alle, die wir mithatten.

Viele Menschen, die Baschka über die Jahre kennengelernt haben, haben das gleiche von ihr gesagt: diese Hündin käme ihnen so vor, als sei sie eine Intellektuelle, so mit Brille. Dabei hatte sie keinerlei derartige Zeichnung in ihrem Fell, sie war schneeweiß. Eines ihrer sonst blitzblauen Augen hatte einen bichromatischen, braunen Einschlag. Vielleicht war es das, was ihrem Blick so etwas Wissendes gab.

Baschkas Leben war ohne Zweifel mein Schlüssel zu den magischen Tundrawelten, die ich auf zwei Holzkufen stehend, meist knappe zehn Meter hinter ihr, erfahren durfte.

Körperlich war sie noch ganz fit, aber der Verfall hatte bei ihren Zähnen angesetzt. Einige mussten gezogen werden und die schmerzenden Entzündungen im ganzen Kiefer haben wir nur durch Antibiotika-Dauergabe etwas in den Griff bekommen. Davor war sie schon fast in einem lethargischen Zustand ob der Dauerschmerzen. Ihre Lebensgeister kehrten jedoch zurück und ich entschied, ihr ab jetzt jegliche Freiheit zu gewähren. Sie genoss es frei um unser Waldcamp streifen zu dürfen, wollte gelegentlich in den Zwinger zu ihrer Meute und suchte ansonsten über mehrere Tage meine Nähe. Oft sah sie mich in dieser Zeit sehr eindringlich an, als wollte sie mir etwas mitteilen.

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Es war Herbst, die Jagdsaison stand vor der Tür. Weil Elche und Karibus bereits so dezimiert waren, wurde in diesen Jahren die Jagd mit Schusswaffen nur für zwei Wochen geöffnet. Und in diesen zwei Wochen herrschte in den Wäldern Québecs Krieg. Tausende und Abertausende Stadtbewohner kommen mit schwerem Gerät – Pick-up, Quad und Boot zumeist – über sonst ziemlich leere Highways in den Norden und jede Jagdpartie möchte unbedingt “ihren” Elch schießen. Da Alkohol in diesen zwei Wochen auch eine nennenswerte Rolle spielt, vermeidet man es möglichst in der Zeit den Wald zu betreten. In dieser sehr bewaldeten Gegend bedeutet das, man geht am besten nicht vor die Tür und wenn dann nur am besten von Kopf bis Fuß in Signalorange gekleidet. Unsere entfernte Nachbarin Christine flocht sogar ihrem Pferd orange Streifen in die Mähne, damit es nicht von einem Jäger in Torschlusspanik für eine Elchfrau gehalten wird. Gerade gegen Ende der zwei Wochen wird so ziemlich auf alles geschossen, was irgendwie im Gebüsch raschelt.

Schon Tage vorher merkt man, wie es immer ruhiger im Wald wird – die Tiere wissen was kommt und ziehen sich zurück – bis es in der Nacht davor gespenstisch ruhig wird. Die Ruhe vor dem Sturm. Und genau diese Nacht, besser gesagt den grauenden Morgen, hat Baschka ausgewählt um auf Wanderschaft zu gehen. Den Zaun hatte ich noch kontrolliert, aber sie genoss ja das Privileg, frei ums Camp zu streifen. Ich konnte es nicht fassen. Ich rief sie, suchte überall, aber sie blieb verschwunden.

A suivre.

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